Wir verstehen die Kunst der Verführung!

 

Liebe Feinspitze, esst endlich Insekten!

Wir „westlichen“ Nationen halten uns selbst für einigermaßen gebildet und aufgeklärt. Gerne glauben wir, dass andere Länder rückständiger als wir sind. Wir essen Gemüse, Fleisch und Obst, während in anderen Ländern andere Sitten herrschen. Regelmäßig graust es uns, wenn wir daran denken, dass vor allem im „Fernen Osten“ Insekten verzehrt werden. Möglicherweise trauen wir es uns nicht auszusprechen und zu unserem Ekel hinzukommend auch noch den Gedanken zu formulieren, dass das halt typisch ist für Nationen, die weniger zivilisiert als wir sind.

Anstatt uns wirklich mit dem Thema Entomophagie (Fachbegriff für den Verzehr von Insekten durch den Menschen) zu beschäftigen, lassen wir es zu, dass dieses Thema in den Ekel-Sektor abgedrängt wird und damit erst recht wieder die Vorurteile der „westlichen“ Länder den „weniger zivilisierten“ Ländern gegenüber geschürt werden.

Vor allem Fernseh-Formate, die den Massengeschmack bedienen sind für das Wiederholen und das Festigen solche Vorurteile mitverantwortlich. Wir reden nicht von einer kleinen, unbedeutenden Sendung, die den Insektenverzehr durch Menschen als ekelig und als schwerste Überwindung des eigenen Ekels darstellt. Wir reden vom deutschen Verblödungs-Fernsehen der Marke Ich bin ein Star – holt mich hier raus!

Natürlich muss man sich diese Sendung noch unter weiteren Gesichtspunkten ansehen. Es werden dabei schlicht und einfach niedrigste Instinkte bedient. Die glotzende Masse findet Gefallen daran, C-Promis dabei zuzusehen, wie sie sich metaphorisch und tatsächlich entblößen und wie sie bei „Dschungel-Prüfungen“ erniedrigt werden.

kulinarium-austria: insekten

Diese Faszination ist letzten Endes wohl nur damit zu erklären, dass man sich selbst erhöht, indem man sieht, wie sich sogar vermeintliche Stars erniedrigen. Kenne ich die Abgründe und die Schwächen dieser „Stars“, kommen mir meine eigenen Abgründe und Schwächen plötzlich nicht mehr so wild vor. Indem ich sehe, wie klein und lächerlich Andere sind, kommt mir das eigene Leben plötzlich ein bisschen weniger klein und lächerlich vor. Große Teile des RTL-Massenfernsehens funktionieren nach diesem Prinzip.

Diese Mechanismen müssen thematisiert werden, spielen hier aber nicht die Hauptrolle. Vielmehr geht es darum, dass in dieser Sendung ein zutiefst irrationaler Diskurs forciert und fortgesponnen wird. Insekten zu essen sei unnormal, fast schon pervers. Insekten essen sei ekelig und eine Überwindung. Das eigentliche Essen sei natürlich unser gutes Schweine- oder Rind-Fleisch, das wir im „Westen“ tonnenweise konsumieren. Sollen ruhig diese unzivilisierten Völker ihre Insekten essen. Wir bleiben bei unserem Fleisch.

kulinarium-austria: insekten

Nun kann man von einer seichten und oberflächlichen Mainstream-Sendung vermutlich keine wirkliche Aufklärungsarbeit oder gar Bildung der Masse erwarten. Klar ist aber, dass eine Sendung mit solchen Einschaltquoten Meinungen und Haltungen prägt. Das Thema Insektenessen ist wieder mal in aller Munde. Unsere Vorurteile werden wir damit aber ganz garantiert nicht loswerden. Ganz im Gegenteil.

Dank solcher Trash-Sendungen wird ein differenzierter, kluger und komplexer Diskurs über dieses Thema in der breiten Massen verunmöglicht. Das Thema Insekten-Essen wird derzeit in weiten Teilen der Bevölkerung mit Ekel und mit dem Dschungel-Camp assoziiert.

Insekten auf dem Teller sind die Zukunft

Sendungen wie diese verdrängen das Thema ins Irrationale und Nicht-Thematisierbare. Was dabei völlig untergeht ist, dass es völlig rational und hochgradig vernünftig wäre Insekten zu essen. Mehr noch: Wir werden in Zukunft nicht darum herum kommen Insekten zu essen. Die Entwicklung unserer Welt zeigt das deutlich auf. Wenn wir weiterhin nur unser bekanntes Fleisch essen, handeln wir höchst irrational und letzten Endes eigentlich fahrlässig. Aus einer Vielzahl von Gründen.

Insekten essen produzieren weniger Treibhausgase und Amoniak als Kühe und Schweine. Dass Insekten weniger Land und Wasser benötigen als Kühe oder Schweine versteht sich eigentlich von selbst. Insekten sind darüber hinaus verlässliche Proteinquellen. Man könnte sogar so weit gehen, dass Insekten eine sinnvolle Nahrungsergänzung für manche schlecht bzw. falsch ernährten Menschen im „Westen“ sind. Möglicherweise könnte man gar sagen, dass manchem Dschungelcamp-Bewohner das Insekten-Essen gut tut, weil er sich somit gesünder ernährt als in seinem Alltag, in dem er vielleicht Burger und Fastfood den Vorzug gibt.

Kurz und direkt gesagt: Es gibt deutlich mehr Gründe Insekten zu essen als das nicht zu tun. Wir müssen unsere eigenen Positionen hinterfragen. Wir müssen uns bewusst werden, dass unser Ekel vor Insekten nicht naturgegeben ist, sondern kulturell geprägt wurde. Nicht nur von Sendungen, die Insekten-essen als abscheulich inszenieren, aber auch von diesen. Solche Massen-Sendungen sind Teil unserer Kultur, prägen Bilder, Urteile und Vorurteile.

Wir sollten als vernunftbegabte Menschen damit anfangen, uns ganz sachlich mit diesem Thema zu beschäftigen. Unsere Umwelt wird es uns danken. Unsere Gesundheit wird es uns danken. Und Vorwürfe von unseren Kindern und Kindeskindern wird es auch nicht geben, warum wir die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätten und statt unserem maßlosen Konsum von Schweine- und Rindfleisch nicht damals schon vernünftigerweise Insekten gegessen hätten.

Nebenbei gesagt: Schlecht schmecken tun zum Beispiel Heuschrecken auch ganz und gar nicht. Ihr solltet es probieren. Es ist höchste Zeit! Zu den geschätzt 2 Milliarden Menschen die derzeit Insekten auf ihrem Speiseplan haben, kommen hoffentlich sehr bald noch ein paar Milliarden dazu!

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Verfasst von

Blogger-in-Chief Kulinarium Austria

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