Mrz 30, 2015
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Über Person und Individualisierung: Jedem sein Bier!

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Ja, ich weiß. Ich war begeistert von der Craft-Bier-Revolution, die im Moment in Österreich Einzug gehalten hat und um sich greift. Und im Grunde bin ich es wohl immer noch. Endlich ist die „Natürlichkeit“ des Geschmacks von Bier suspendiert. Alles ist möglich. Es gibt keine Einschränkungen mehr. Die Individualisierung hat Einzug gehalten. Exakt an diesem Begriff kann man aber auch schon die Schattenseite und Kippmomente festmachen.

Dazu muss ich wohl ein wenig weiter ausholen. Außerdem natürlich auch grob vereinfachen. Aber die Kulturgeschichte der Moderne ist vereinfacht gesagt eine Kulturgeschichte der Individualisierung. Während sich der Mensch früher als Teil der Masse und Teil des Kollektivs verstanden hat, geht es ihm jetzt um seine Individualität, seine eigene Handschrift und um seine Person, die sich in Abgrenzung zu den anderen Menschen definiert und formt.

Schriftsteller, die sich als Genies bezeichneten und zwar ihre Einbettung in Traditionen und vorangegangene Texte akzeptierten aber zugleich auch behaupteten, etwas Neues zu schaffen, sind Ausdruck dieser Haltung. Die Kaiser und Könige waren nicht mehr Kaiser und Könige von Gottes Gnaden, sondern sie krönten sich selbst zum Kaiser. Napoleon wurde damit zum Ausdruck des Kaisers, der sich selbst krönt, weil er sich als Individuum von der Masse abhebt und es somit Wert ist, Kaiser zu sein. Es braucht keinen Gott mehr, keine Masse, sondern nur den eigenen Willen und die eigene großartige und alles überstrahlende Person.

Im Heute tun wir uns schwer, dieses große Drama zu erleben. Es geht nicht mehr darum, ob wir uns zum Kaiser krönen. Es geht nicht mehr darum zu behaupten, dass wir Genies sind. Die Postmoderne hat uns desillusioniert und uns gezeigt, dass wir weniger souveräne Personen und Subjektive sind, als wir es bisher angenommen hatten.

Wir sind bestimmt durch Diskurse und Meinungen. Die Freiheit unseres Handelns steht in Frage, ebenso ob es so etwas wie eine vorgelagerte Person gibt, in der sich unsere Individualität a priori ausdrückt. Wir sind soziale und sozialisierte Wesen und unsere Person ist Ausdruck der Sozialisierung und der gesellschaftlichen Prozesse, die unsere Person erst hervorbringt.Über-Person-und-Individualisierung--Jedem-sein-Bier!

Wir können auf vieles verzichten, aber nicht auf unsere Individualität!

Daraus könnte man schlussfolgern, dass das Projekt der Moderne und der Individualisierung sich in der Postmoderne mehr oder weniger aufgelöst hat. Es ist gescheitert. Uns bleibt nur noch die Schimäre Individualität, die wir uns aber auf keinen Fall nehmen lassen möchten.

Dazu mischt sich natürlich im Heute auch noch verstärkt der Kapitalismus in den Diskurs mit ein. Vereinfacht gesagt: Ich kaufe, also bin ich. Konkreter: Ich kaufe diese bestimmten Sachen, also bin ich ein Individuum. Ich kaufe, also bin ich einer Person. Ich kaufe, als bin ich einzigartig. Ich konsumiere, als kann ich mich von allen anderen unterscheiden.

Und damit lässt sich der Bezug zum Craft-Bier herstellen: Jedem sein Bier! Jedem sein Geschmack! Wir sind alle grundverschieden. Und diese Grundverschiedenheit können wir jetzt endlich auch mit unserem Bier zum Ausdruck bringen. Darauf haben wir eigentlich nur gewartet. Damit erscheint die an sich positive Craft-Bier-Revolution als Fortsetzung einer strikt spätkapitalistischen Logik: Wer trinken, als sind wir verschieden. Wir kaufen nicht das Einheitsbier, weil wir dadurch unsere Person und unseren Geschmack nicht zum Ausdruck bringen könnten. Wir trinken, als sind wir anders.

In dieser Logik habe ich eine Befürchtung. Die kleinen Brauereien werden sich in dieser Logik nicht durchsetzen können. Vielmehr werden die größeren und vielleicht gar großen Brauereien den Geschmack der vermeintlichen Individualisten vereinnahmen und Biere für eine möglichst große Anzahl von Geschmäckern brauen.

Damit ist das Bekenntnis zum Craft-Bier der eigentlichen Funktion beraubt: Es geht nicht mehr darum, seine Weltanschauung zum Ausdruck zu bringen und kleine Brauereien zu unterstützen, sondern es geht darum, seinen ganz individuellen Geschmack im großen Ganzen zu finden. Braucht es dazu wirklich kleine Brauereien oder kann diese Tendenz zur Individualisierung nicht eigentlich besser und flexibler von größeren Brauereien geleistet werden? Die Zeit wird es zeigen. Ich bin aber schon einfach mal vorsichtig pessimistisch.

Für mich ist eigentlich nur eines klar: In Zukunft wird die Individualisierungs-Logik auch beim Thema Bier verstärkt Einzug halten. Aus geschmacklicher und kulinarischer Sicht ist das natürlich begrüßenswert.

Dennoch sollten wir die Schattenseiten der Individualisierung durch Konsum im Auge behalten: Die Vielzahl an Geschmäckern ist letztlich nur ein Verkaufsargument. Eine Möglichkeit der Verwertungslogik, damit wir uns als absolute Individualisten empfinden. Dabei sind wir nur Teil des großen Ganzen. Ausweglos. Indem wir Geschmack zeigen legen wir auch offen, welche Art von Geschmack wir uns von der Industrie wünschen. Wir verstricken uns nur immer weiter in diese Logik.

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Mixed Pickles · Stories · Trinken

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