Aug 22, 2014
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Tirol isch lei oans – Von Essen, Tradition und Identität

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Was ist das eigentlich mit uns Tirolerinnen und Tirolern und unserem Essen? Sind wir in Sachen Essen genau so, sagen wir es mal, wertbeständig wie in unserer Einstellung zur Gesellschaft und zur Welt? Ist Tirol wirklich nur „oans“, wie es uns in einem bekannten Lied nahe gelegt wird? Ist Tirol wirklich der Ort, an dem zwar oft und inflationär von einer Verbindung von Tradition und Moderne gesprochen und geschrieben wird, letztlich aber der Tradition der Vorzug gegeben wird? Genießen wir unser Essen und unsere Kulinarik am liebsten deftig und bodenständig?

Etwaige Recherchen, was denn die sogenannten „Tiroler Küche“ nun sei führt jedenfalls zu erstaunlichen Ergebnissen. Auf einer prominente Seite www.tirol.at, die auch das „Tirol-Logo“ ganz oben präsentiert und daher ja bitte wohl von hochoffizieller Stelle kommt und daher auch ganz genau weiß, was Tirol, Tiroler-Sein und Tiroler-Küche nun tatsächlich ist, werden einige Top-Gerichte der Tiroler-Küche aufgelistet. Darunter befinden sich so klingende Namen wie die Zillertaler Krapfen, das Tiroler Gröstl, Kasspatzln, Schlipfkrapfen, Blattlstock und noch einige mehr.

Kaiserschmarrn

Sagen wir es mal so: Da wurden doch eher klassische, traditionelle Speisen ausgesucht, die sich gut dazu eignen so etwas die Tiroler Küche zu argumentieren und zu legitimieren. Die Frage die sich dabei stellt ist eigentlich ganz einfach: Ist das jetzt unser Selbstbild oder ist das ein Fremdbild? Ist das die Art und Weise, wie wir unsere Küche und unsere Kulinarik gerne selbst sehen möchten oder ist das ein Bild, von dem wir glauben, dass es Gäste von uns haben oder gar haben sollten? Wollen wir nach außen hin möglichst authentisch und ursprünglich wirken und soll sich das alles in unserer Kulinarik spiegeln? Die Gäste sollen ja auch schließlich wissen, was sie bekommen und was Tiroler Küche ist und was nicht. Wenn es dann nur so einfach wäre…

Die Tiroler Küche: Vielfältig wie Tirol selbst!

Ich behaupte mal: Die Tiroler Küche ist so viel vielfältiger und vielseitiger. Und hört nicht auf Tiroler Küche zu sein, wenn sie sich äußeren Einflüssen öffnet. Was jetzt nicht gleichbedeutend damit ist, dass wir vor Mc Donald´s & Co. kapitulieren sollten (obwohl ich auch glaube, dass hier ein Nebeneinander möglich sein dürfte). 

Schlutzkrapfen

Meine These ist einfach: Tirol ist nicht „lei oans“ und die Tiroler Küche ist es ebenso nicht. Die Küche sollte nicht nach Einheitlichkeit streben und sich nicht an irgendwelche mehr oder weniger authentische oder auch konstruierte Traditionen klammern. Sie sollte offen und kreativ mit Tirol und der Welt und der Welt in Tirol umgehen. Dabei aber natürlich nicht vergessen, welche Traditionen und Grundlagen in der Tiroler Küche da sind. Tiroler Küche ist für mich alles, was mit den eigenen Wurzeln und mit der Region umgeht.

Tiroler Küche ist alles, das auf spielerische, kreative Weise mit dem umgeht, was eine gewisse Anzahl von Leuten für Tiroler Küche halten könnte. Und die zeitgenössische aktuelle Tiroler Küche darf auch einmal provozieren und die Ränder dessen auslotsen, was gerade noch mal als Tiroler Küche durchgehen könnte. Der kreative Koch, mehr Künstler als Handwerker, stellt Vertrautes in Frage und lässt die Region, das Land und die Tiroler Küche in neuem, ungewohnten Glanz erscheinen.

Als mögliches Beispiel kommt mir dabei Martin Sieberer in den Sinn, der im „Trofana Royal“ in Ischgl zum Beispiel die Küche, die sich auf Tirol bezieht, auf ein ganz neues Level gehoben hat. Trotzdem, dass sich diese Küche in Sachen Raffinesse und Kunstgriffen mit der großen weiten Welt misst und messen kann, hat sie nicht aufgehört Tirol als Bezugspunkt zu haben. Die Tiroler Küche ist eben auch erweiterbar und muss längst nicht so traditionell rüberkommen, wie es von so manch offizieller Stelle suggeriert wird.

Semmelknödel mit Spinat und pfifferlingen

Tirol ist nicht nur „oans“. Tirol ist Teil der Welt, so verschlossen sich dieses Land manchmal auch gibt. Und die Vielfalt ist in Tirol schon längst angekommen. Was aber nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden sollte, wenn es ums Kochen und um die Küche geht. Kulinarische Vielfalt, die sich auf die eigenen Wurzeln bezieht und diese leichtfüßig und auf „künstlerische“ Weise verhandelt und behandelt. Das wären mein Wunsch und meine Utopie, wenn es um die Zukunft der Tiroler Küche geht.

In diesem Sinne, liebe Leserinnen und Leser. Was ist für EUCH Tiroler Küche? Wo sind die Grenzen? Wo eure Vorlieben? Ich freue mich auf eure Kommentare!

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Mixed Pickles · Tirol

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